Viorel ROMAN

Imperium & Limes (auf Deutsch) 1999-11-03
inapoi
Imperium & Limes 1994 hielt ich während des Embargos gegen Jugoslawien in Belgrad den Vortrag Limes und Imperium . Die Resonanz übertraf alle Erwartungen, und ich publizierte danach, z.T. zusammen mit Dr. Hannes Hofbauer (Wien) und Dr. habil. Klaus B. Schebesch (Bremen), mehrere ergänzende Beiträge über diese Thematik in Zeit-schriften und Verlagen in Eppstein-Taunus , Wien , Leipzig , Cernauti , Timisoa-ra , Baia Mare , Brasov , Bucuresti und Anaheim/ Kalifornien . Dies verpflichtet mich, angesichts des Krieges in Jugoslawien die vorgetragenen Thesen zu aktualisieren. Eine Fortsetzung der vorliegenden Arbeiten verlangt ei-nen Bezug zur Geschichte der Rumänen, auch wenn sie in die Kriegsereignisse bisher nicht direkt einbezogen worden sind. Der Kriegsausbruch am Limes auf dem Balkan, wo sich Ost- und Westeuropa seit 1600 Jahren immer wieder militärisch begegnen, offenbart, daß die sog. Trans-formation des Ostens nach dem Ende des Kalten Krieges und Kommunismus kurz vor dem Scheitern steht. Der Enthusiasmus des Revolutionsjahres 1989, als alle ein Europa vor Augen hatten, das vom Atlantik bis zum Ural und gar von Vancou-ver nach Wladiwostok reicht, ist im orthodoxen Osten verflogen. Die Reformen stoßen auf Widerstand und erweisen sich als viel schwieriger, als angenommen. Die heutige Krise im Morgenland wird noch offensichtlicher, wenn man zugleich den Glanz des Abendlandes betrachtet. Vor dem Hintergrund des aktuellen Krieges stellt sich um so dringender die Frage nach den Ursachen für die Probleme einer Annäherung zwischen Ost und West und nach Möglichkeiten, die gegenwärtige Krise zu überwinden. Als Ursache der Schwierigkeiten werden üblicherweise die Hinterlassenschaften des Kommunis-mus, die Geschichte und die Religion ins Feld geführt. Szenarien wie Lösungen sind nicht selten einseitig und widersprüchlich. Deshalb ist es notwendig, die Grundbegriffe und Hauptideen von »Imperium und Limes« noch einmal zu umrei-ßen, um die neue Lage zu analysieren und die Optionen zu erwägen. Was ist Europa? Miroslav Krleza antworte 1963 auf die Frage nach der Identität Europas: »Neben dem klassischen, abendländischen, pantheonischen, grandiosen, historisch pathe-tischen Europa lebt ein anderes, ein bescheidenes, unterdrücktes, jahrhunderte-lang zahlreichen Eroberungsfahrten ausgesetztes, peripheres Europa, das den östlichen und südöstlichen europäischen Völkern gehört, und sich vom Baltikum über die Karpaten und die Donau bis zum Balkan erstreckt, den Völkern also, de-nen das Schicksal nicht das Leben innerhalb der europäischen Mauern (intra mu-ros) zugedacht hatte, sondern die Rolle von 'Antemuralen', zur Verteidigung der Ostgrenze gegen osmanische und mongolische und verschiedene andere militäri-sche und politische Gefahren." Schon für Aristoteles lag Griechenland geographisch in Europa, das heißt westlich vom Ägäischen Meer. Wenn er aber den Charakter, die Mentalität beschreibt, dann sind für ihn die Griechen ein Volk zwischen Europa und Asien: Das kalte Klima Europas zeuge selbständige und rauhe Menschen; das heiße Klima Asien begünstige die Faulheit und die Unterwürfigkeit gegenüber jedweder Despotie. Griechenland mit seinem temperierten Klima dagegen sei das Land der Freiheit. Noch heute prägen unseren Kontinent zwei verschiedene dominierende Kulturen, die griechisch-orthodoxe und die römisch-katholisch-protestantische. Die eine ist kontemplativ und die andere aktiv. Und so geht der Athener, der sich heute auf den Weg nach Paris oder Rom macht, »stin Evropi« – nach Europa. Die Bestrebung der Orthodoxen, »Europa« anzugehören, beweist jedoch nur, daß sie in diesem Kultur- und Religionsraum noch nicht zu Hause sind, sonst wäre nicht erklärlich, warum sie ankommen wollen, wo sie ohnehin geographisch leben. Dabei ist das heutige »Europa« mehr, als Aristoteles ahnen konnte. Jahrhunderte, nachdem Rom die »Alte Welt« um das Mare Nostrum vereinigt hat-te, trat die von Aristoteles beschriebene »mentale« Grenze mit der Reichsteilung von 395 politisch-administrativ wieder hervor. Gleichzeitig komplizierte sich die Lage, denn das »neue Rom«, Konstantinopel, verstand sich römischer als Rom selbst. Heute sieht sich Moskau als das dritte Rom auch als Retterin der Welt und nimmt die gleichen Prerogative in Anspruch wie die Griechen im zweiten Rom. Das dritte Rom glaubt an die Mission, die es nach den Niederlagen des ersten und zweiten Rom zu erfüllen habe. Das Wiedererwachen des Westens seit dem Hochmittelalter wurde und wird im östlichen Teil des Imperiums nur auf dem Gebiet des Materiellen registriert. Auf der anderen Seite gibt es in allen drei Varianten des Christentums – Orthodoxie, Katholizismus und Protestantismus – ein immer wiederkehrendes Bestreben, die Christenheit wieder zu vereinigen. Der Aufbau des christlichen Gebäudes auf den Ruinen von Rom gab dem Imperi-um eine neue universale Dimension. Für sie kämpften die Kreuzritter gegen den Islam und die Schismatiker; sie ist das Vaterland aller Christen des Abendlandes, wenn man vom Protestantismus absieht. Der Etikettenwechsel vom »Christen-tum« zu »Europa« ist jüngeren Datums, wie auch die Akzeptanz der Orthodoxen als gleichberechtigter Partner im Schlepptau der Protestanten. Der Verzicht auf das Konzept »Christentum« zugunsten des neutralen Begriffs »Europa« begann mit dem Konzil von Florenz 1439, auf dem die Union des west-lichen und östlichen Christentums in der Theorie vollzogen wurde. Der Fall Kon-stantinopels an die Muslime 1453 und die anschließende Reformation war das sichtbare Ergebnis der Uneinigkeit der Christen in der Praxis. Die »Krise Europas 1560-1660« (ed. Tresor Asten) mit Reformation, Religions-kriegen und der Herausbildung von Nationalstaaten war die Folge. Nach dem Westfälischen Frieden 1648 wurden die Begriffe »Staatsräson« und »Souveräni-tät« in den internationalen Beziehungen um die »Gemeinschaft« bzw. das »Sy-stem der europäischen Staaten« und das »Gleichgewicht der Mächte« ergänzt. So konnten sich Protestanten und Katholiken auf einem neutralen Boden begegnen. Gleichzeitig erhielten die Orthodoxen eine Chance, sich am internationalen Ge-schehen quasi gleichberechtigt zu beteiligen. Heute versucht man, den »Corpus Cristianum« mit Hilfe des Ökumenismus wiederherzustellen. Der Erfolg ist mehr als fraglich. Der Wechsel von der westlichen »Christenheit« zum s.g. rationalen »Europa« und dem neuen internationalen Recht verschleierte nur, daß die christliche Welt auch im 17. Jahrhundert zerrissen war und man von einer Einheit lieber nicht sprach. Das neue Rechtssystem erlaubte es, das Rußland Zar Peters des Großen in das europäische Staatensystem aufzunehmen. Dies war der Anfang der – vor allem ökonomischen – Zusammenarbeit des angelsächsischen Protestantismus mit der slawisch-griechischen Orthodoxie. Diese Allianz gegen und neben Rom wurde noch deutlicher in der Zusammenarbeit während des Zweiten Weltkriegs, der Tei-lung »Europas« durch den Eisernen Vorhang nach 1945 und der Institutionalisie-rung der Vereinigten Nationen außerhalb Europas. Die Tatsache, daß sich Ruß-land für einige Jahrzehnten zum atheistischen Kommunismus bekehrte, änderte nichts am Kern der Problematik, wie sich heute als Ergebnis von Glasnost und Perestroika zeigt. Der Rückkehr des Ostblockes nach »Europa« vollzieht sich mit verschiedenen Geschwindigkeiten. Die baltischen Länder, Polen, Tschechien, die Slowakei, Un-garn, Kroatien, Slowenien und Bosnien-Herzegovina verstehen und akzeptieren die europäischen Normen und integrieren sich in die römisch-katholische und pro-testantische Zivilisation. Jugoslawien, Bulgarien, Rumänien, Moldawien, die Ukraine, Weißrußland und Rußland hingegen leisten nach orthodoxer Art passiven Widerstand – durch Zulassung des Chaos. In der Vergangenheit hinterließ man dem eindringenden Westler »verbrannte Erde«. Serbien ist früher als gedacht aus diesem Transformationsprozeß ausgeschert und sucht nach Verbündeten in der slawischen und orthodoxen Welt, um vom passiven zum aktiven Widerstand überzugehen. Der Vorschlag Belgrads, eine slawisch-orthodoxe Allianz mit Rußland und Weißrußland zu bilden, liegt vor. Kommunismus als Alibi In einem verdächtigen Konsens machen Westen wie Osten das Erbe der ortho-dox-kommunistischen Diktatur für das gegenwärtige Chaos und die Misere in Ost-europa verantwortlich. Horrorgeschichten über diese östliche Ersatzreligion stehen im Westen in der Kontinuität der Propaganda des Kalten Krieges hoch im Kurs, im Osten dienen sie als Alibi für das Scheitern der Transformation. Die Tatsache, daß der Marxismus eine westliche Doktrin war und daß die moderne russische Ent-wicklungsdiktatur die Angleichung des sozio-ökonomischen Standards an den Westen erreichen wollte und sie bis zu einem gewissen Grad auch erreichte, wird heute gern übersehen. Die politische und propagandistische Leistung Lenins und Stalins, die den Marxismus-Leninismus als Entwicklungsstrategie wie als Eisernen Schutzwall gegen den Westen eingesetzt haben, ist bemerkenswert. Nach einem Jahrzehnt Transformation, Reform, parlamentarischer Demokratie und humanitärer Hilfe aller Art ist augenfällig, daß immer weniger Menschen im Osten wie im Westen an die alleinige Schuld des Kommunismus glauben. Para-doxerweise wird die alte antiwestliche Politik im Osten heute mit Erfolg praktiziert, indem der Kommunismus als aus dem Westen kommende Doktrin für alle Miß-stände verantwortlich gemacht wird – in der Regel von den gleichen KP-Parteigenossen, den sogenannten Wendehälsen, die den Marxismus-Leninismus einst als östliche Errungenschaft durchgesetzt haben. Positive Begleiterscheinun-gen des Sozialismus werden dabei übersehen: So hat die Diktatur den Zusam-menhalt der Südslawen aufrechterhalten, während Jugoslawien nach der Abkehr von diesem System durch einen Krieg in einen orthodoxen (Serbien, Montenegro, Mazedonien), einen römisch-katholischen (Kroatien, Slowenien) und ein muslimi-schen Teil (Kosovo) zerfiel. Bosnien-Herzegowina ist zwischen den drei Religi-onsgemeinschaften geteilt. Im gesamten orthodoxen Osten werden die Ergebnisse der primitiven Akkumulati-on des Kapitals, die während der Entwicklungsdiktatur erzielt wurden, privatisiert. Das Einkommen der Mehrheit der Bevölkerung hat sich auf zwei bis drei US Dollar pro Tag reduziert. Bildung und Gesundheit, von den Kommunisten auf ein respek-tables Niveau gebracht, zerfallen. Elend und persönliche Sicherheit wurden als erstes privatisiert. Das Finanzsystem funktioniert nicht. Die Schattenwirtschaft ist dominant geworden. Die Wählerschaft glaubt nicht mehr an die Transformation als Mittel zur Überwindung der Unterentwicklung oder an eine Integration des ortho-doxen Teils des Ostens in »Europa«, Europäischer Union und die NATO. Eine Restauration der orientalischen Despotie ist in den orthodoxen Länder wieder wahrscheinlicher als eine Angleichung an den demokratischen Westen. Ostrom wird griechisch Wenn der real existierende Sozialismus, die marxistisch-leninistische Doktrin so-wie die russische Diktatur nicht ausschlaggebend sind für das Ost-West-Gefälle und den Balkankrieg, müssen wir die Ursachen auch in der langfristigen histori-schen Entwicklung suchen. Der Eiserne Vorhang teilte Europa nach dem Zweiten Weltkrieg in zwei Teile, wo-bei mehrere Nationen, die nicht orthodox sind (DDR, Tschechoslowakei, Ungarn, Polen und der westliche Teil Jugoslawiens) unter die Herrschaft Moskaus gerie-ten. Es ist deshalb verständlich, daß der Westen für die Befreiung dieser Nationen unablässig gekämpft hat, zumal diese selbst unter der orientalischen Herrschaft der roten Zaren nie aufgehört haben, sich zu wehren – Berlin 1953, Budapest 1956, Prag 1968, Polen 1981. Ähnliche Bestrebung wären in Serbien, Bulgarien, Rumänien oder der Ukraine und Rußland undenkbar gewesen. Die Kluft zwischen Ost und West ist also wesentlich größer, als sie der Keil des Kommunismus in wenigen Jahrzehnten hätte treiben können. Auch eine nur ober-flächliche Betrachtung der osteuropäischen Geschichte offenbart eine dominante und allgemein akzeptierte Tradition der orientalischen Despotie, über die die we-nigen Jahrzehnte des okzidentalischen Parlamentarismus und Kommunismus nur eine dünne Firnis gelegt haben. Im Jahre 395 teilt Theodosius das Imperium Romanorum zwischen seinen Söhnen Arcadius und Honorius. Trotz vielfacher Versuche, diese Teilung zu überwinden, blieb die damals festgesetzte Grenze auf dem Balkan bis heute erhalten. Hier be-gegnen sich seit mehr als 1600 Jahren Ost- und Westrom, wobei sich die Grenze von einer politisch-administrativen Trennlinie in eine geistliche umwandelte. Slo-wenien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina sind römisch-katholisch und gehören zum Westen. Serbien und Makedonien gehören zum Osten, zur Orthodoxie. Die Tatsache, daß diese slawischen Völker erst drei Jahrhunderte nach der römischen Reichsteilung in der Region angesiedelt worden sind, ändert nichts an ihrer Missi-on als Frontstaaten. Auch wenn wir nur die nackten historischen Fakten betrachten, fällt auf, daß schon Arcadius die Westgoten nach Rom gegen seinen Bruder Honorius lenkte. Schon damals stand die Solidarität zwischen Ost- und Westrom nicht hoch im Kurs. Rom wurde besetzt und 476 zerstört, das weströmische Reich brach unter dem Druck der Barbaren zusammen. Es folgte eine Verschmelzung zwischen imperialen Strukturen und dem Christentum sowie zwischen Römern und Germanen. Der Bischof von Rom, der Papst, wurde Nachfolger des Kaisers. Konstantinopel, die Hauptstadt des oströmischen Reiches, überlebte noch ein Jahrtausend, obwohl die Griechen im 7. Jahrhundert die Römer verdrängten und die Führung in Konstantinopel übernahmen. Bis dahin waren die Kaiser Römer, Amts- und Militärsprache war Latein; Griechisch sprachen vor allem die Philoso-phen. Erst Kaiser Herakleios (610–641), der Überlieferung nach armenischer Her-kunft, führte Griechisch als Amtssprache ein und vollzog die Umwandlung von Ostrom nach Byzanz. Die nun unerwünschte und bedrohliche römische Kultur, Sprache und Bevölkerung wurde bekämpft. Das alte Konzept des Limes, der das Imperium vor den Angriffen der Barbaren schützen sollte, wurde auf die Grenze zwischen Ost und West, zwischen Griechen und Römern übertragen. Hier baute Byzanz eine Pufferzone gegen Rom auf, in-dem es die Südslawen auf dem Balkan angesiedelt. Sie säuberten das Gebiet ethnisch, die Lateinisch sprechenden Überlebenden flüchteten in die Gebirge, in Festungen am Meer oder auf Inseln. Auch in dieser Kontinuität steht der gegen-wärtige Krieg am Limes. Nicht nur Individuen, sondern auch Kulturen bilden ein Gedächtnis aus, um Identität herzustellen, Legitimität zu gewinnen und Ziele zu bestimmen. Der Konflikt zwischen Rom und dem »Neuen Rom« wurde infolge der Gräzisie-rung von Byzanz und der Slawisierung des Balkans unversöhnlich. Der Osten sah die Anstrengungen des Papstes und Kaiser Karls des Großen, das Machtvakuum im Westen zu füllen, nicht gern. Er versuchte das Wiedererstarken des Westreichs zu stören, konnte es aber nicht verhindern. Der Konflikt wird religiös Die griechische Tradition hält an der Einheit zwischen dem Basileus als absolutem Herrscher und Stellvertreter Gottes auf Erde fest. Rom sieht den Papst als Reprä-sentant Gottes auf Erden und stellt den Kaiser in die Kirche, nicht über sie. Gra-phisch gesehen ist die griechische Herrschaft ein Kreis mit dem Kaiser und dem Vertreter Gottes in der Mitte; das Abendland hingegen ist eine Ellipse mit zwei Brennpunkten: Papst und Kaiser. Das erste Modell erzeugt die orientalische Des-potie, das zweite die okzidentalische Zivilgesellschaft. Die Bekehrung der Südslawen zur Orthodoxie war nur eine Formalität. Die grie-chisch-römische Animosität sowie die christlich-doktrinäre Verschiedenheit er-zeugten ununterbrochene Konflikte, die in das Große Schisma (1054–1965) mün-deten und bis heute fortdauern. Die Quelle dieser Unstimmigkeit ist die Unfähig-keit, ein Einvernehmen über eine sozialpolitische und religiös-kulturelle christliche Synthese herzustellen sowie eine gemeinsamen Politik gegenüber dem Islam durchzusetzen. Der Islam beruft sich wie das Christentum auf das Erbe der jü-disch-hellenistischen Antike, auch wenn er erhebliche Unterschiede zum Christen-tum aufweist. Von der christlichen Uneinigkeit profitierend, haben sich die Muslime über Klein-asien und Nordafrika bis nach Spanien ausgebreitet. 1240 besetzten die Mongo-len Rußland, Weißrußland und Teile der Ukraine. Diese Ostslawen waren vorher von Byzanz zum Christentum bekehrt worden. Danach drangen die Türken nach Europa ein und schlugen die Serben 1389 vernichtend im Kosovo. Nach dem end-gültigen Sieg über Konstantinopel 1453 zerschlugen die Türken 1527 das un-garische Königtum, so daß auch Kroatien und Transilvanien an den Sultan fielen. Erst die Niederlage vor Wien 1683 bewegte die Türken unter dem Druck der christlichen Armee Prinz Eugens zum endgültigen Rückzug von der mittleren Do-nau und der adriatischen Küste. Bis zum Berlin Kongreß 1878 wurde die türkisch-österreichische Grenze zwischen Kroatien und Bosnien und auf den Karpaten fe-ster Bestandteil des Vorhangs, der Muslime und Christen auf dem Balkan trennte. Sowohl die mongolische als auch die türkische Herrschaft waren orientalisch-despotischer Art; beide unterbrachen die Kommunikation und Kooperation der Christen, die ohnehin durch das Schisma entzweit waren. Eine religiöse Union oder ein gemeinsames Vorgehen gegen den Islam waren unmöglich. Dies ist eine wesentliche Erklärung dafür, daß orthodoxe Slawen und Rumänen, die jahrhun-dertelang hinter dem Eisernen Vorhang der Byzantiner, Muslime sowie orthodoxen Kommunisten gelebt haben, heute Schwierigkeiten haben, sich in westliche Nor-men einzufinden. Allerdings könnten die Rumänen eine Ausnahme oder ein Vor-reiter werden. Die Rumänen am Limes Die rumänische Sicht auf die Geschichte unterscheidet sich aufgrund des tau-sendjährigen slawisch-orthodoxen Einflusses, der auch während der kommunisti-schen Diktatur in ihren Grundzügen unverändert blieb, vollkommen vom westli-chen Geschichtsverständnis. Dies ist sowohl in Rumänien als auch in der Republik Moldawien, einem aktiven Mitglied der russischen Gemeinschaft Unabhängiger Staaten, nicht verwunderlich. Westliche Ideen sind allerdings nicht neu in dieser Region, sie wurden besonders vor dem Zweitem Weltkrieg von Timotei Cipariu, Augustin Bunea, Al. Papiu Ilarian, Alexandru D. Xenopol, Nicolae Iorga, Nicolae Cartojan, Octavian Barlea u.a. vertreten. Die Ost-West-Trennung wurde nach dem 7. Jahrhundert von der griechisch-slawischen Allianz gegen das römische Erbe und die römische Bevölkerung voll-zogen. Neun Jahrhunderte zuvor hatten die Römer im 2. Jh. v. Chr. die Adria überquert, im 1. Jahrhundert n. Chr. hatte Kaiser Trajan Dakien besetzt, die Kaiser Justin und Justinian waren glänzende Vertreter des orientalischen Römertums, jetzt als Christen in Ostrom. Beleg für diese Tradition ist das »Corpus Iuris Civilis«, die rechtliche Grundlage der EU, von »Europa« und der zivilisierten Welt. Getrennt von Rom, dezimiert und degradiert als Tolerierte, blieben die Romanen ohne Elite und ohne Städte, die kirchliche Hierarchie wurde brutal erneuert. Im 9. Jahrhundert wurde auch diese Verbindung zu Rom durch eine griechisch-bulgarische Hierarchie ersetzt. Weil sie sich auch unter den Byzantinern sich als »Römer« (romaios) identifizierten, wurde für die Reste des orientalischen Römer-tums eine neue Bezeichnung gefunden: W(a)llachen. In ihrer Kirche wurde bis ins 19. Jahrhundert slawonisch oder griechisch gepredigt. Dieser griechisch-orthodoxe, römerfeindliche Geist ist in Moldawien stärker vertreten als in der Wal-lachei und in Transilvanien. Die Ritter des 4. Kreuzzuges und der Rumäne Ionita Asan setzten die Wiederher-stellung der römischen Tradition in Byzanz durch, sie war jedoch nicht von Dauer. Deshalb fand die Ausrufung der Fürstentümer Moldau und Wallachei unter mon-golischem Einfluß und – gegen den Westen gerichtet – mit griechischer Salbung statt. Es folgte eine jahrhundertelange asiatische Isolation, bis Michael der Tapfere aus der Wallachei und die Union der Ortodoxen aus Transilvanien mit Rom unter den Habsburgern den Durchbruch nach Westen erreichten. Der politische Erfolg war eine Episode. Die christliche Union jedoch wurde die Grundlage der Renaissance dieses Volkes. Es liegt in der Logik der oben genann-ten Ereignisse, daß die Unierte Kirche bei der ersten großen slawischen Invasion unter Stalin mit Gewalt dem orthodoxen Patriarchen unterstellt wurde. Der Bruch mit Rom im 9. und die erzwungene Abwendung im 20. Jahrhundert gleichen ein-ander. Die Rumänen sollten keine Verbindung nach Westen haben, sondern einer griechisch-slawisch orientierten geistlichen und laischen Führung unterstellt wer-den. Auch das Projekt »Groß-Rumänien« (1920–1940), mit Hilfe des Abendlandes in Paris nach dem Ersten Weltkrieg ins Leben gerufen, wurde von der orientalische Kirche erfolgreich zum Scheitern gebracht. Die wallachische Metropolie wurde zur Patriarchie erhoben, und jegliche Bestrebungen zu einer Union aller Rumänen mit Rom oder eine echte Hinwendung nach Westen wurden in Bukarest gestoppt. Diese geistliche Hinwendung nach Osten führte zur friedlichen Teilung des Landes zwischen Ungarn, Rußland und Bulgarien vor dem Ausbruch des Zweiten Welt-krieg. Die griechisch-slawische Richtung ist auch heute in Bukarest tonangebend. Ange-sichts der tausendjährigen Kontinuität des orthodoxen Geistes der orientalischen Despotie unter Byzantinern (7.–15. Jh.), Türken (15.–19. Jh.) und Russen (19.–20. Jh.) verwundert es nicht, daß die gegenwärtige Option »Europa« niemanden überzeugt. Es bleibt allerdings offen, ob der Besuch von Papst Johannes Paul II. in Bukarest 1999 nicht eine authentische Wendung nach Westen herbeiführen wird, vergleich-bar der Union von 1700. Es steht zu erwarten, daß bei dieser Gelegenheit die un-tergründigen gemeinsamen Elemente der Christenheit gesucht und gemeinsame Perspektiven entworfen werden. Der Vorschlag aus Belgrad und Minsk, Rumänien solle der Union aus Rußland und Weißrußland beitreten, wurde in Bukarest als eine neue slawische Bedrohung empfunden. Acquis Communautaire Dieser Rückblick hat einige Kontinuitätsmerkmalen in Ost und West vermittelt, er-fordert jedoch eine weitere Präzisierung der kulturellen Grundbegriffe. Die Ten-denz eines jeden kulturellen Projekts, den eigenen Beitrag als das Wichtigste oder zumindest das Ausschlaggebende zu betrachten, liegt in der Natur der geistlichen Auseinandersetzung. Natürlich gibt es kaum Kulturen in vitro. Ergebnis des unab-lässigen Kampfes der Kulturen ist eine Verzahnung. À la long treten nicht selten Synthesen neben den genuinen Ansatz. Die griechische und die römische Weltanschauung standen einander feindlich ge-genüber. Der jüdische Glaube, Grundstein des Christentums, führt seit der Antike einen Kampf gegen den Hellenismus, Rom und – neueren Datums – auch gegen den Islam. Die Bedeutung der jüdischen Kultur für die heutige führende Zivilisation bedarf keiner weiteren Ausführung. Der Hellenismus hat mindestens ebenso großen Anteil am heutigen westlichen Zivilisationsbegriff wie das Judentum. Die Bedeutung der griechischen Philosophie für die Fundierung und Ausbreitung des Christentums ist unbestritten. Nach den Verfolgungen im Römischen Reich, die die Kirche zu einer inneren Festigung zwangen, wurde das Christentum unter Konstantin dem Großen Staatsreligion. Fortan integrierten sich die Christen in die römischen Traditionen und gaben der interkontinentalen Infrastruktur des Reiches ein neues Fundament und einen neu-en Glauben. Es ist deshalb nicht verwunderlich, daß sich Griechen oder/und Juden oft als allei-nige spirituelle Architekten »Europas« fühlen. Auch wenn sie untereinander selten eine Einigkeit erreichen, stimmen sie überein, wenn es um die Verneinung der Bedeutung des lateinischen Erbes geht. Die orthodoxen Slawen und die prote-stantischen Germanen haben diese Idee übernommen. Auch bei den Rumänen (Români), die Rom im Namen tragen, sind solche Mei-nungen verbreitet. Ihrer Meinung nach stellt die griechische Philosophie die Lei-stungen der Römer in den Schatten, und die Juden beherrschen die Welt oder zumindest ihre Finanzen. Unter den Kommunisten wurden sogar die Thraker ver-herrlicht, um das römische Erbe verdrängen zu können. Verbreitet ist die Auffas-sung, daß Rom nur als Vehikel der jüdisch-griechischen Werte im christlichen Gewand gedient habe. Aber auch diese Leistung wird negativ bewertet: Die Rö-mer waren Imperialisten, und das gilt heute weitgehend als inakzeptabel. Tatsächlich aber ist »Europa« nicht griechisch, jüdisch, thrakisch, slawisch oder germanisch, sondern in erster Linie römisch. Die Eingliederung vieler Ethnien von Britannien bis Mesopotamien und von Dakien bis Afrika in die klassische antike Zivilisation war eine gewaltige Leistung, die in der Integration von Ästhetik und Ethik, von Logik und Glauben der Griechen und Juden in das Selbstverständnis des Imperiums ihre Entsprechung fand. Das Entscheidende in diesem Kulturraum war das römische Recht. Ohne es wä-ren die Renaissance Europas und der »acquis communautaire« (80.000 S.) der Europäischen Union nicht denkbar. Diese römische Prüfung ist auch heute noch die Grundvoraussetzung zur Integration in »Europa«. In »Europa« sind wir »Juden«, »Griechen«, »Germanen«, »Slawen« usw. nur, weil wir alle »Römer« sind, und auch, wenn wir nicht mehr Latein sprechen, bleibt Rom das Fundament des ganzen Gebäudes. Auch der Beitrag der Germanen zur westlichen Zivilisation ist unübersehbar. Sie übernahmen das römische Recht und die römischen Standarten und marschierten in den Fußstapfen der Legionäre. Die römischen Kaiser des Mittelalters waren Germanen. Diese integrative und traditionsbewahrende Rolle wird leicht überse-hen, wenn man ausschließlich auf die Reformation, die folgenden Religionskriege und den Nationalsozialismus blickt. Welches Imperium? Die Wiederherstellung der Einheit zwischen den Teilen des Imperium Romanorum scheiterte bis heute an der Unvereinbarkeit der Konzeptionen von Staat und Kir-che der daraus resultierenden Gesellschaft. Hinter den Konflikten steht stets die Frage, welches das echte Imperium ist und welche Wege zur Wiederherstellung der verlorene Einheit eingeschlagen werden sollen. Die Gründungsakte der Europäischen Union wurde in Rom unterschrieben. Hier ist die geistige Hauptstadt des Abendlandes, des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation und der Europäischen Gemeinschaft bzw. Europäischen Union. Das griechisch-byzantinische Modell wird in Moskau, im Zarenreich, in der Union der Sowjetischen Sozialistischen Republiken und in der Gemeinschaft der Unab-hängigen Staaten weiterentwickelt. Konstantin der Große und seine Nachfolger in Konstantinopel und Moskau sind für die orthodoxen Gläubigen die Stellvertreter Gottes auf Erden. In der Staatenge-meinschaft der 15 orthodoxen Kirchen leben die Patriarchen in Harmonie bzw. »Symphonie« mit dem Herrscher. Soweit die Theorie. In der Praxis kann der or-thodoxe Patriarch nur der zweite Herr im Staate sein. Der Zar bzw. Generalsekre-tär der KP oder Präsident hat den Vorrang. Diese östlichen Gesellschaften versuchen, die aktuelle Krise durch eine materiali-stisch-rationale Anpassung an die Normen des Westens zu überwinden. Ein ge-meinsames Konzil aller Bischöfe Europas fand nicht statt. Die orthodoxen Patriar-chen, die nach der Demontage des Eisernen Vorhangs ohne einen anerkannten Basileus ungeschützt waren und das Elend und Chaos im Osten voraussahen, denunzierten daher auf einem Konzil in Konstantinopel unmittelbar nach dem Zu-sammenbruch des Ostblocks die Transformation als Proselitismus. Dieses Dilemma und die dogmatische Position ist weder neu noch ein Vorrecht des Morgenlandes. Nach dem Zusammenbruch des Westreiches 476 dürfte die Lage nicht viel anders gewesen sein, aber mit umgekehrten Vorzeichen. Das »Neue Rom« war damals intakt, das alte Rom zerstört. Heute ist das »dritte Rom«, Moskau und die GUS, in Not, während die EU, die USA, die NATO, der IWF etc. die ganze Welt beherrschen. Globalisierung ist an die Stelle älterer For-men des Expansionismus (u.a. Imperialismus) getreten und genießt eine heute weltweite Akzeptanz. Das Imperium muß nicht länger militärisch neue Gebiete erobern, heute gilt es, unter den Aufnahmekandidaten auszuwählen. Wie im Rom des 5. Jh. fragt man sich im Osten heute, wie es weitergehen soll, was man zur Überwindung der Blockade unternehmen kann, und welches neue Modell ange-sichts der allgegenwärtigen Krise eine Überlebensstrategie sicherstellen kann. Nach dem Zusammenbruch des antiken Rom gab die alte, teilweise noch heidni-sche Elite den Christen die Schuld am Untergang. Sie hätten die Autorität des Kaisers und die Wehrfähigkeit untergraben. Von heute aus betrachtet, überrascht, daß das prosperierende, ausschließlich auf den Fundamenten des Christentums gegründete »neue Rom« Konstantinopel von Westrom nicht als Rettungsanker gesehen wurde. Augustinus nahm dieses Modell – noch von den Römer gestaltet und geführt – nicht einmal wahr. Er sah nur den Bischof von Rom, den Nachfolger und Hüter des einzigen Imperiums, weil Jesus Petrus und Rom als Grundstein der universalen Kirche bestimmt hatte. In dem Machtvakuum im Westen nach dem 5. Jh. schritten die Päpste ohne einen Kaiser an ihrer Seite in der Tat in den Fuß-stapfen der römischen Caesaren. Auf die Fiktion der »Konstantinischen Schenkung« zugunsten der Bischöfe von Rom antworteten die Griechen mit dem Mythos des Apostels Andreas, der als äl-terer Bruder von Petrus der »erste Apostel« gewesen sei. Auf diese Weise sollte das petrinische Prinzip mit Petrus als Gründer der Universalkirche in Frage gestellt werden. Unabhängig von diesen Wunschträumen bleibt die Tatsache bestehen, daß weder die Päpste das »neue Rom« als Modell noch die Griechen das Primat des Heiligen Stuhls Petri akzeptieren konnten. Wenn man der Logik dieser historischen Erfahrung folgt, fällt auf, daß vor dem Zusammenbruch der griechischen Herrschaft in Konstantinopel und während der Krise der russischen imperialen Strukturen nach dem Ersten Weltkrieg, während der Oktoberrevolution von 1917 sowie während der samtenen Revolution von 1989 die Erwartungen an »Europa« unübersehbar waren. Eine geistliche Verstän-digung jedoch, wie sie das Konzil von Florenz 1439 noch anvisiert hatte, wurde seit der Zurückdrängung der Türken aus Zentraleuropa nicht mehr in Betracht ge-zogen. In unseren Jahrhundert wurde in Namen des Kommunismus im Osten und des Nationalsozialismus im Westen die Beseitigung des Klassen- bzw. Rassenfeindes sowie die ideologische Eroberung der ganzen Welt angestrebt. Diese Synthesen christlicher Häresien waren in Wirklichkeit mißlungene Modernisierungsversuche, kriminelle Bemühungen, um mit der modernen Welt Schritt zu halten. Vor einem weiteren »geistlichen« Horizont sind sie auch als verzweifelte Versuche zur Her-stellung der Einheit des einzig wahren Imperiums zu interpretieren. Der serbische Vorstoß für eine Gemeinschaft aller Slawen und wenn möglich aller Orthodoxen und die zu befürchtende Wiedereröffnung der großen Konfrontation mit »Europa« weckt schlafende Hunde des Krieges am Limes. Die Wiederherrich-tung des Eisernen Vorhangs und des Status quo ante 1989, natürlich in einer neuen Form, ist wieder in den Bereich des Möglichen gerückt. Für Serbien dies ist schon die Realität, wie die Einrichtung eines »Zentrums zur kulturellen Dekonta-mination« in Belgrad bezeugt. Der antike und der religiöse Limes Seit 1600 Jahre gibt es am Limes Konflikte zwischen Ost- und Westrom. Zuerst waren es militärische Auseinandersetzungen mit den Barbaren, danach in Byzanz religiös motivierte Kämpfe zwischen Orthodoxen und Katholiken, später zwischen Muslimen und Christen und in unserer Zeit zwischen Kommunismus und Kapita-lismus. Im Kosovo-Konflikt finden wir die Schatten aller dieser Kämpfe wieder, deshalb werfen wir noch einmal einen Blick auf Traditionen und Erfahrungen eines genuinen Volkes vom Limes: auf die Rumänen. Dieses oströmische Volk, das unter der Herrschaft von Griechen, Slawen, Madja-ren und Türken stand, überlebte dank einer eigenständigen Synthese zwischen dem römischen Erbe und der barbarischen Erfahrung. Die Erben der östlichen Romanität, die Rumänen, haben in der Welt einen schlechteren Stand als ihre Verwandten im Westen (Franzosen, Spanier etc.) und als zahlreiche Völker, die später christrianisiert worden sind. Die Rumänen leben zwischen Slawen, und ihr Tor zum Westen ist eng. Die Suche nach einer Formel, die sowohl den Frieden mit den Nachbarn als auch eine Inte-gration in »Europa« erlaubt, ist ihre Aufgaben am Limes, wo die Auffassungen über Kirche und Staat so verschieden sind, daß der Krieg im Süden wieder aus-gebrochen ist. Vor diesem Hintergrund hat sich Bukarest, im Unterschied zur sla-wischen Achse Belgrad–Moskau, entschlossen, nach einem Jahrzehnt Vorberei-tung den Dialog mit Rom auf eigenem Boden zu eröffnen. Es ist nicht die erste Hinwendung der Rumänen nach Westen. Nach der Niederla-ge der Türken vor Wien und der Verlagerung des türkisch-muslimischen Vorhangs in die Karpaten haben die Orthodoxen aus Transilvanien dem Papst als primus inter pares der Christenheit akzeptiert. Es folgten die Trasilvanische Schule (Scoa-la Ardeleana) und die nationale Wiedergeburt. Es ist nicht verwunderlich, daß Griechen, Slawen und Serben gegen diese Emanzipation als Verrat am rechten orthodoxen Weg kämpften. Sie erreichten die Isolierung und danach sogar die Vernichtung dieser Union mit Rom. Erneut unter slawisch-griechischer religiöser Kontrolle, beschränkte sich Bukarest auf eine kulturelle und freimauerische Bezie-hungen zum Westen. Die Ereignisse im Kosovo und der Dialog zwischen Papst Johannes Paul II. auf der einen und Präsidenten Emil Constantinescu und Patriarch Teoctist auf der an-deren Seite dokumentieren die militärischen und religiösen Spannung am Limes. Sollten die Gespräche scheitern, werden sich besonders die ethnische Minderheit der Madjaren in Transilvanien und im Banat selbst artikulieren und den Status quo aufkündigen. 1997 hat Bukarest Nord- und Südbessarabien sowie das Hertza-Gebiet und die Schlangeninsel ohne Widerstand an die Ukraine abgetreten, daher ist zu erwarten, daß es auch im Westen keinen Widerstand gegen eine weitere Amputation seines Territioriums leisten wird. Das Scheitern Groß-Rumäniens ist nicht nur in der Erin-nerung der Rumänen präsent. Ein vollständiger Verzicht auf die »orthodoxen Ket-ten« konstantinopolitanische und moskowitische Prägung, wie ihn Bukarester In-tellektuelle vor dem Zweiten Weltkrieg forderten, ist heute nicht mehr nötig. Es wird ein neues Modell gesucht, das sowohl den eigenständigen Traditionen als auch dem Gleichgewicht der Kräfte auf dem Balkan Rechnung tragen soll: Ziele sind die Möglichkeit einer Hinwendung nach Westen durch die Anerkennung des Papstes als Primus inter pares der christlichen Patriarchen sowie die Verhinde-rung von militärischen Auseinandersetzungen. An der Nahtstelle zwischen Römern und Barbaren, Ost- und Westrom, Slawen und Germanen sowie Muslimen und Christen sowohl westlicher als auch östlicher Prägung sind Konflikte am Limes unausweichlich. Die einzige Lösung ist die Wie-derherstellung der Einheit des Imperiums – nicht auf totalitären Strukturen, son-dern auf westlichen Prinzipien von Recht, Freiheit und Menschenrechte gegrün-det. Verglichen mit den Gräben, die die christliche Zivilisation von anderen Kultu-ren wie dem Islam trennt, ist der gegenwärtige Konflikt ohnehin ein Streit innerhalb der Familie, für den eine Lösung nicht allzu schwer fallen sollte. Der »Kampf der Kulturen«, den Samuel P. Huntington voraussagt, ist die vielleicht größte Heraus-forderung für die »Neugestaltung der Weltpolitik im 21. Jahrhundert«. Der Krieg in Jugoslawien Nach dieser Darstellung einiger Begriffe und Gedanken der europäischen Ge-schichte und Kultur, stellen wir fest, daß alle Akteure und das Szenario der Ver-gangenheit im Krieg in Jugoslawien wieder präsent sind. Im 4. Jh. spaltete sich das Imperium Romanorum in Ost und West. Im 7. Jh. über-nahmen Griechen und Serben die Macht über die östliche Romanität. Mit dem Großen Schisma um die Jahrtausendwende tauchten die Madjaren und die Ru-mänen mit verkehrten Vorzeichen am Limes auf. Die christianisierten »Barbaren« kämpften in apostolischer Mission in Kroatien, Banat und Transilvanien, die »Ro-manen« hingegen wurden als orthodoxe Untertanen der Griechen und Slawen im feindlichen Lager gehalten. Im 14. Jh. übernahmen die Türken das Erbe Ostroms und setzten den Konflikt mit dem Heiligen Römischen Reich und Österreich fort. Im 18. Jh. wurde das orthodo-xe Rußland mit Hilfe der Protestanten in die europäische Staatengemeinschaft aufgenommen und versuchte, das Osmanische Reich zu besetzen und Ostrom in slawischem Gewand wiederherzustellen. Die westlichen Mächte verhinderten die-se Bestrebung bis zum Ersten Weltkrieg, als die Reiche in Istanbul, Moskau und Wien zusammenbrachen. Zwischen den Weltkriegen wurde der Kampf zwischen Ost und West von slawi-schen Kommunisten und germanischen Nationalsozialisten bis zum Zusammen-bruch dieser modernen Häresien fortgeführt. 1989 stand die Tür für einen Dialog zwischen Ost und West wieder offen, aber es folgten orthodoxe Verweigerung, soziopolitische Stagnation und ökonomisches Chaos. Eine Gelegenheit zu prüfen, wie ernst das westliche Angebot gemeint war, ergab sich daher nicht. So wundert es nicht, daß die Einheit der Christen keine nennenswerten Fortschritte machte. Der Krieg auf dem Balkan ist nur die logische Folge. 1999 ist am Limes Krieg ausgebrochen, weil die Serben wieder das ethnisch säu-bernde Gewand angezogen haben, in dem sie unter der Schirmherrschaft der By-zantiner dorthin kamen, wo sie heute leben. Wieder agieren sie als Sperrsitze der slawisch-griechischen Welt gegen den Westen, heute in Gestalt der NATO, wie sie früher gegen Römer, Kreuzritter, das Heilige Römische Reich Deutscher Nati-on und Österreich(-Ungarn). Auch der Verteidigungskampf gegen das Dritte Deut-sche Reich steht in gewisser Weise in dieser Kontinuität. Nicht zufällig ging er ein-her mit einem blutigen Bürgerkrieg gegen die von den Deutschen und Italienern gestützten Ustascha-Kroaten. Die orthodoxen Griechen sind selbstverständlich, organisch auf der Seite der Ser-ben. Konstantinopel hat die Südslawen auf dem Balkan angesiedelt. Die Griechen sind aber heute insignifiant als Zahl und Macht. Außerdem sie sind Teilbestand der NATO und EU geworden. Ein Ausbruch aus der westlichen Staatengemein-schaft würde für sie eine Wiederholung des Schicksals der Byzantiner aus Kon-stantinopel v. 1453 bedeuten. In der muslimische Millionenmetropole am Bosporus leben heute noch einige Tausende Gläubige des ökumenischen Patriarchen Bar-tolomeus I., allesamt von den Spenden reicher Griechen aus USA. Moskau, der Mittelpunkt der orthodoxen Welt und die Hauptstadt aller Slawen, kämpft mit materiellem Beistand des Westens derzeit um die Wiederherstellung der Macht im riesigen euro-asiatischen Raum und des Ansehens in der Welt. An-dererseits ist die messianische panorthodoxe und panslawistische Aufgabe allge-genwärtig. Die Bewerbung Jugoslawiens um einen Beitritt zum slawischen Ver-bund von Rußland und Weißrußland hat Moskau in eine Identitätskrise gestürzt. Der Patriarch aller Russen, Alexei II., reiste ebenso nach Belgrad wie Regierungs-vertreter und Kriegsfreiwillige. Der radikale Flügel des Panslawismus glaubt, daß seine Stunde geschlagen habe. Andererseits werden die Entscheidungen über Orthodoxie und Slawentum in Moskau und nicht in Belgrad getroffen. Die Türken sind fest in Konstantinopel verankert und haben unter der grünen Fah-ne des Propheten die Aufgabe des Ostreichs bis zur Auflösung der Macht der Sul-tane erfüllt. Heute träumen sie von der Erneuerung des Reiches von Turkmenistan bis Albanien und Afrika oder einem Machtzuwachs durch eine Integration in die EU. Sie sind aber wie ihre traditionellen Feinde, die Griechen, »Gefangene« der westlichen militärischen Allianz. Ein vollwertiger EU-Beitritt samt Integration in die Euro-Sphäre setzt eine Übernahme des Christentums voraus bzw. die Anerken-nung des Führungsanspruchs Roms. Keine der Alternativen ist derzeit realistisch. Deshalb versuchen sie, die islamischen Brückenköpfe, die sie in der jahrhunderte-lange osmanische Herrschaft aufgebaut haben, zu stärken. Auf die Unterstützung der muslimischen Welt ist in dieser Hinsicht Verlaß. Die Erinnerung der Madjaren an ihre glorreiche apostolische Mission an der Gren-ze zu Häretikern und Schismatikern ist wieder wach geworden. Die Ungarn haben nicht vergessen, daß Kroatien, Transilvanien und das Banat einst zur Stephans-krone gehörten. Die Integration in NATO und EU betrachten sie als eine Grundla-ge zur Infragestellung des Vertrags von Trianon (1920), der das ungarische Trau-ma dieses Jahrhunderts darstellt. Die ungarische Minderheit im Banat und in Transilvanien wird bald eine internationale Rolle spielen. Aber wie Athen und An-kara ist Budapest den europäischen Interessen untergeordnet, die nicht notwendig mit den ungarischen Bestrebungen deckungsgleich sind. Das westliche Imperium, die »Christenheit«, »Europa«, das Abendland kann sich nicht passiv verhalten, wenn es an der östlichen Grenze, am Limes herausgefor-dert wird. Besonders der regressive Status quo, wie ihn die Orthodoxie seit 1989 praktiziert, ist nicht zu tolerieren, weil das menschliche Elend und das Chaos eine Reaktion verlangt – und sei es eine »militärisch-humanitäre« (s. Ulrich Beck). Der Krieg in Jugoslawien hat das Prestige der Angelsachsen als führende Kraft der NATO in der ganzen Welt gefestigt. Die Aktion gegen die weißen orientali-schen Christen in Jugoslawien hat, auch wenn es »nur« Orthodoxe sind, bewie-sen, daß die USA nicht nur farbige »Ungläubige« in Vietnam, Somalia, Irak usw. militärisch bestrafen können. Andrerseits löst der Anspruch, westliche Werte auch außerhalb des Limes durchzusetzen, Befürchtungen in den »verspäteten Natio-nen« der Dritten Welt aus. Es fällt auf, daß die USA eine Bestrafung Großbritanniens, Chinas, Rußlands etc. wegen der ethischen und religiösen Konflikte in Belfast, Tibet oder dem Kaukasus nicht in Betracht ziehen. Auch in Moldawien ist seit Jahren die 14. Russische Armee stationiert. Das Land ist damit praktisch (halb) besetzt und weder die NATO noch die USA fühlen sich verpflichtet, militärisch oder diplomatisch zu intervenieren. Eine Intervention wie im Kosovo ist undenkbar, obwohl auch diese Region außerhalb des westlichen Limes liegt. Gleichzeitig spüren die USA als Siegerin zweier Weltkriege, daß sich das weltpoli-tische Schwergewicht seit der erfolgreichen europäischen Einigung wieder in die Alte Welt zurückverlagert. In der Zukunft werden die Nordamerikaner und ihre Verbündeten in Kleinasien (Israel) an Einfluß verlieren. Der Nordamerican Way of Life und der Holocaust sind Begriffe des 20. Jahrhunderts. Deshalb ist verständlich, daß die USA dieser Machtverschiebung entgegenwirken wollen, bis eine eigene adäquate Antwort auf die neue Herausforderung gefunden ist. Diese Tendenz wird transparent, wenn man bemerkt, daß die militärische In-tervention in Jugoslawien nicht unbedingt den europäischen Interessen entspricht. In Europa werden andere Formen der Zusammenarbeit von Slawen und Germa-nen, von Katholiken, Protestanten und Orthodoxen gesucht und benötigt, als sie zur Zeit von der NATO auf dem Balkan praktiziert werden. Papst Johannes Paul II., der Patriarch des Abendlandes, hat die militärische Inter-vention in Kroatien und Bosnien-Herzegovina und deren Loslösung von Belgrad begrüßt. Auch besuchte er Sarajevo und Kroatien. Die Überquerung des Limes durch die Bombardierung Belgrads hat der Papst allerdings nicht gebilligt und for-derte die Beendigung des Krieges. In diesem undurchsichtigen Gestrüpp der ethischen, religiösen, ökonomischen, militärischen usw. Interessen und Motivationen werden die Schatten der beiden römischen Imperien deutlich. Auf dem Balkan haben sie sich getrennt, hier testen sie 1999 die Möglichkeit der Wiederherstellung der Einheit der Welt. Nicht umsonst bemerkte Talleyrand, der Diplomat Napoleons »le centre de gravitation du monde n'est ni sur l'Elbe ni sur l'Adige, il est là-bas aux frontières de l'Europe, sur la Danube«.