Viorel ROMAN
Despre Viorel ROMAN
Die Biographie
Articole
Die Westintegration Rumäniens
2004-11-03
inapoi
Im Spannungsfeld der Großmächte zwischen Byzanz und dem Osmanischen Reich, zwischen dem Heiligen Römischen Reich bzw. der EU und Rußland streben die Rumänen seit Jahrhunderten die Westintegration an: Heute ist der NATO- und EU-Beitritt das Ziel. Aber eine Kooperation ohne gemeinsame Werte ist nur kurzfristig möglich und eine dauerhafte Integration ist sogar undenkbar. Dieses rumänische Dilemma ist tausend Jahre alt. Jede Generation im Osten sowie im Westen hat zur Lösung des Problems beigetragen. Eine erfolgreiche rumänische Westintegration setzt jedoch – so die Hauptthese der folgenden Ausführungen – als conditio sine qua non voraus, daß die griechisch-orthodoxe und die römische Kirche einen gemeinsamen Normenkatalog und eine gemeinsame Strategie entwerfen und verfolgen. Dies ist bisher nicht geschehen. Die Tatsache, daß Rumänien (România) der einzige Staat Europas ist, der Rom (Roma) im Namen trägt, sagt einiges über den Ursprung und Bestrebung dieses Volkes aus. Die Rumänen (români) sind Nachfolger der romanisch-orientalischen Welt, aber die Mehrheit der Bevölkerung bekennt sich heute zum östlichen Christentum (Orthodoxie). Dies ist der Hauptwiderspruch dieses Landes, das über 1000 Jahren keine direkte Verbindung zur romanischen Staatenwelt des Westen hat. Rumänien ist eine Insel der Romanität in einem Meer der Slawen und ugro-finnischen Völkern. Die unbestrittene Latinität der Rumänen kann aber den Verlust an römisch-westlichen Normen in ihrer Gesellschaftsordnung bei einer Integration in den Lateinischen Westen nicht wettmachen. Transformationen mit dem Ziel, Osten und Westen an der Unteren Donau zu versöhnen, werden solange nicht erfolgreich sein, wie ihre Initiatoren von dieser Tatsache absehen. Die Anpassung von griechischen und lateinischen Verhaltensnormen wird heute in Anbetracht der modernen säkularisierten Welt als überflüssig erachtet. Eine öffentliche Diskussion über die Angleichung der Werte und Normen in Beziehung auf Eigentum, Familie, Staat, Schulden etc. wird in Bukarest bis jetzt erfolgreich verhindert. Deshalb verwundert es nicht, daß proklamierte Ziele wie Demokratie, Transformation, Privatisierung und Reform einzig als Vorbedingung für weitere finanzielle Hilfeleistungen verstanden werden, nicht aber als Werte an sich. Die Rumänen streben eine möglichst perfekte Simulation dieser westlichen Normen an, um die ersehene Westintegration zu erreichen. Die Ergebnisse dieser Anstrengungen blieben bisher hinter den Erwartungen zurück. Die mit der Wende 1989/90 eingeleitete Integration stößt in Rumänien trotz der inzwischen gewonnenen Erfahrung auf immer neue Hindernisse, die aus rein technokratischer Sicht nicht vorhersehbar waren: Seit der Weihnachtsrevolution 1989 ist die industrielle Produktion auf die Hälfte geschrumpft. Die Landwirtschaft kehrt langsam aber sicher zu Zuständen zurück, die denen des Mittelalters gleichen. Wirklich qualifizierte Arbeitskräfte und das Kapital verlassen das Land schneller, als neue Investitionen und Impulse hineinkommen. Inflation und Staatschulden sind hoch. Die informelle Ökonomie ist stärker als die staatliche Kontrolle. Arbeitslosigkeit, Kriminalität, soziale Krankheiten und Korruption sind auf allen Ebenen im Wachstum begriffen. Die Leistungen des früher respektablen Gesundheitswesens und des Bildungssektors schwinden. Hunderttausend Kinder verlassen die Schule frühzeitig oder gehen überhaupt nicht mehr hin. Die Zahl der Rentner übersteigt inzwischen diejenige der Beschäftigten. Der Lebensstandard sinkt infolge des Zerfalls der wirtschaftlichen Leistung. Die Imitation einer westlichen Gesellschaft mit einem Einkommen von nur zwei US$ / Tag – mehr steht der überwältigen Mehrheit der Bevölkerung heute nicht zur Verfügung – überzeugt heute keinen mehr. Man kann es den Menschen im ehemaligen kommunistischen Lager nicht verdenken, wenn sie mittlerweile die Frage stellen, ob die Form ohne Inhalt – Westminsterdemokratie, abstrakte Menschenrechte, freie Marktwirtschaft etc. – jemals zu einer Form mit Inhalt werden wird. Es ist offensichtlich, daß eine schlichte Nachahmung der westlichen Normen und Strukturen für Ost und West allmählich kontraproduktiv ist. Das Problem hat eine lange Tradition, deshalb dürfte ein Überblick der rumänisch-westlichen Beziehung, der Erfolge und Hindernisse bei der Einführung der westlichen Normen in Rumänien aufschlußreicher sein, als eine Wiederholung der westlichen Sicht über die gegenwärtige, im Scheitern begriffene Transformation. 1. Die Verteidiger des römischen Wallums an der unteren Donau, die sich selbst Romanen nannten und von den Fremden als Walachen bezeichnet wurden, überstanden den Untergang Roms und des oströmischen Limes. Während der Völkerwanderung durch slawischen Stämme wurden sie jedoch dezimiert und in unwegsame Gegenden zurückgedrängt. Im ehemalige Dacia Felix lebten Dako-Römer und Slawen mehr oder weniger friedlich nebeneinander, bis die zum römisch-katholischen Glauben bekehrten Magyaren im Auftrag der apostolischen Mission das Gebiet in fast zwei Jahrhunderten eroberten und mit Ungarn, Szeklern, Deutschen u.a. kolonisierten. Ein zweites Mal kamen also die römischen Normen an die untere Donau, jetzt in religiösem Gewand. Doch standen die orthodoxen Rumänen dieses Mal auf der falschen Seite: Sie kämpften gegen Rom. 2. Das slawische Element ging in Panonien und Transsilvanien unter. Nur die Walachen, die sich auf die griechisch-slawische Hierarchie aus Konstantinopel stützen konnten, leisteten – zu Schismatikern degradiert – der Vereinnahmung durch die Ungarn Widerstand. Zwar rettete die Elite der Rumänen ihre Privilegien durch den Übertritt zum lateinischen Ritus um den Preis der Magyarisierung, aber die orthodoxen Bauern blieben weiterhin nach Osten orientiert und bewahrten die nationale Identität. Da das 4. Laterankonzil von 1215 nur Christen unter westlicher Hierarchie schützte, besaßen die rechtlosen anderen als Tolerierte nicht die gleichen Rechte wie die römisch-katholischen Christen. Vor dem Hintergrund der Geschichte der beiden Völker ist es paradox, aber die Ungarn waren nun römischer als die Rumänen. Seit dieser Zeit lehnen die Rumänen die ungarische Hegemonie und westliche Normen ohne Differenzierung ab. Der erste Versuch einer Westintegration der Rumänen unter Führung der Ungarn war gescheitert. 3. Unter dem Eindruck des Mongolensturms bot der Papst auf dem Konzil von Lyon 1274 an, auch die Orthodoxen als gleichberechtigt zu akzeptieren, wenn sie zur Union mit Rom bereit wären. Diese neue römisch-katholische Auffassung wurde unter dem Druck der aufsteigenden Halbmonds im Osten auf dem Konzil von Florenz 1439 von Papst und Kaiser sowie der Patriarchen von Byzanz feierlich beschlossen. Somit wurden im Prinzip die Einheit der Kirche und gemeinsame Normen wiederhergestellt. Der Kreuzzugsgedanke wurde erweitert und schloß nun auch alle Orthodoxen mit ein. 4. Die rumänischen Leistungen im Kampf gegen die Ungläubigen aus dem Osten waren beachtlich, nicht zuletzt unter den apostolischen Führern Iancu Hunyadi (1407–1456) und dessen Sohn Matthias I. Corvinus (1443–1490). Die Rumänen fanden aber keine Möglichkeit zu einer Union mit der Westkirche und einer Anpassung an deren Normen, die eine nationale Emanzipation hätten vorbereiten können, weil die ungarisch-deutsche Oberschicht während der Reformation den Kreuzzugsgedanken für ihre eigenen Interesse instrumentalisierte und ihn gegen die Orthodoxie richtete. Erneut waren die westlichen Normen der Mehrheit der Rumänen nicht zugänglich. Die rumänische Elite übernahm die westliche Fahne, ohne die Emanzipation des orthodoxen Volkes zu fördern. Die Westintegration der Rumänen scheiterte wiederum. 5. Die Unstimmigkeit im westlichen Lager – zwischen Papst und deutschen Fürsten – veranlaßte die transsilvanische Oberschicht, in einer brüderlichen Einigung der Minderheiten zum Protestantismus überzutreten. Paradoxerweise blieb die politische Leitlinie des 4. Laterankonzils bestehen: Für die orthodoxe Mehrheit waren außerhalb der westlichen, protestantischen Beaufsichtigung weiterhin keine Rechte vorgesehen. Diese Entwicklung trugt bei zur Auflösung des Königreichs Ungarn nach der Niederlage von Mohács 1526. Die apostolische Mission der Ungarn endete, ohne daß die Rumänen einen Zugang zum Westen erreicht hätten. 6. Die Osmanen verstanden es ebenso gut wie die Magyaren bei ihrer Ankunft in Europa, die Unstimmigkeit im westlichen Lager zu nutzen. Auf dieser Weise kamen sie bis Augsburg und Wien. Während die Ungarn jedoch ein apostolischer Vorposten des Westens waren, traten die Türken in die Fußstapfen von Byzanz, dem traditionellen Gegner Roms. Damit sanken die Chance der Hinwendung der Rumänen nach Westen beträchtlich. 7. Die osmanische Oberherrschaft im Fürstentum Transsilvanien und in den Donaufürstentümern Moldau und Walachei isolierte die orthodoxen Rumänen durch einen Eisernen Vorhang in Form der Militärgrenze für Jahrhunderte vom Westen. Im Innern unterdrückten sowohl die Protestanten in Transsilvanien als auch die griechisch-orthodoxe Hierarchie jenseits der Karpaten sämtlich Verbindung mit Rom und jegliche auf Emanzipation gerichtete soziale und nationale rumänische Bestrebung. 8. Als man glaubte, daß die Rumänen, geteilt in mehreren abhängigen Fürstentümern und völlig abgeschnitten von Westen sowie ohne innere Befreiungsbestrebungen, darniederlagen, erhob sich der Woiwode Michael der Tapfere mit Hilfe der Habsburger erfolgreich gegen die osmanische Oberherrschaft. Er vereinte kurzer Hand Walachei und Moldau mit Transsilvanien und stellte sich halbherzig in den Dienst der westlichen Christlichen Liga. Es war die erste große Chance der Westintegration aller Rumänen. 9. Papst und Kaiser ermutigten Michael den Tapferen, das Große Schisma zu überwinden, dem Leitgedanken des Konzils von Florenz zu folgen und alle rumänischen Länder mit dem Westen zu vereinigen. Michael der Tapfere, der sich Konstantinopel religiös und persönlich verpflichtet fühlte (seine Mutter war Griechin), zögerte und wurde durch einen General Kaiser Rudolphs II. wegen Verrats gegenüber dem Westen ermordet. So blieb die orthodoxe Vereinigung der Rumänen mit dem Scheitern der Union mit Rom Episode. 10. Bei der Belagerung Wiens 1683 standen die Rumänen aus der Walachei im muslimischen Lager, obwohl sie als Christen mit den Belagerten sympathisierten. Dies belegt ein Kreuz des Fürsten Cantacuzino in einem Wald bei Wien, das noch heute zu sehen ist. Alle Christen Südosteuropas wollten natürlich den muslimischen Eisernen Vorhang beseitigen und sich nach Westen orientieren. Die Rumänen aus Transsilvanien hofften zudem verstärkt auf eine Beseitigung des tolerierten, rechtlosen Zustands und eine Gleichstellung mit den westlichen Christen, d.h. auf eine echte Westintegration bzw. Union mit Rom. 11. Begeisterung und Kraft der Heiligen Liga reichten nur bis zu den Karpaten und bis in den Banat. Konzeptlosigkeit und Konkurrenzgedanken lähmten die christliche Befreiungsbewegung, die von Rom und Wien ausging. Somit bekamen nur die Orthodoxen aus Transsilvanien die Möglichkeit, sich mit Rom zu vereinigen und durch diese Union die gleichen Rechte wie alle anderen Nationen zu erlangen. Der Westintegration der Rumänen aus Transsilvanien stand theoretisch nichts mehr im Wege. Moskau und Konstantinopel waren jedoch entschieden gegen diese Hinwendung nach Rom und stärkten die Orthodoxie in der Moldau und Walachei nach Kräften. 12. Kaiser und Papst bestätigten die Union der Orthodoxen aus Transsilvanien und garantierten ihnen schließlich die gleichen Rechte, wie sie alle anderen christlichen Nationen und Religionen des Reiches inne hatten. Die Realisierung der versprochenen Rechte stieß bei den Privilegierten vor Ort auf Widerstand. Die protestantische Oberschicht hielt weiterhin am Leitgedanken des 4. Laterankonzils fest und wollte die Verwirklichung des Konzils von Florenz nicht akzeptieren. Der lange Kampf der Rumänen um Gleichstellung, Vereinigung und Westintegration ging in eine neue Runde. 13. Der unierte Bischof Inocentiu Micu-Klein forderte die Kolonialherren in Transsilvanien (Ungarn, Deutsche, Skekler) und den Habsburger Hof wiederholt auf, die Gleichheit aller Nationen zu verwirklichen. Zwar hatte er keinen Erfolg und lebte bis zu seinem Tod im Exil in Rom. Doch erlaubte es die Union mit Rom jungen Rumänen erstmals, im Vatikan, d.h. im Westen zu studieren und den Ursprung ihrer eigenen Kultur und Sprache neu zu begreifen. Bei ihrer Rückkehr nach Transsilvanien gründeten diese Gelehrten eine Lateinische Schule und legten mit ihrer Wiederentdeckung der römischen Tradition der Rumänen die theoretische Grundlage für eine zukünftige Westintegration. 14. Die Lateinische Schule stellte klar, daß die Rumänen die Mehrheit und den ältesten Bevölkerungsteil des Landes stellten. Obwohl sie zudem trugen die Hauptlast des Staates trugen, besaßen sie Rechte nur auf dem Papier. Das Selbstbewußtsein der tolerierten, rechtlosen Rumänen wurde auf diese Weise gestärkt, und das ganze Rumänentum bekam eine neue, westliche Perspektive, gegenüber der alten griechischen und slawischen Ausrichtung, die sowohl in Transsilvanien als auch in den Donaufürstentümern Moldau und Walachei allgegenwärtig war. 15. Die orthodoxen Bauern in Transsilvanien erhoben sich während der Herrschaft Josephs II. , nachdem sie jahrzehntelang auf leere Versprechungen vertraut hatten. Der aufgeklärte Kaiser setzte auf das Volk, von dem er sich Soldaten und Steuern versprach, und ermunterte die Emanzipation der Walachen gegen den ungarisch-deutschen Landtag. Dieser Hoffnungsfunke aus Wien setzte ganz Transsilvanien in Flammen: Unter Horis, Closca und Crisan erhoben sich die Rumänen gegen die Oberschicht. Konfrontiert mit Kriegen im Ausland und einem Bauernaufstand, setzte Joseph II. sein emanzipatorisches Programm jedoch nicht durch. Seine Ära blieb Episode. Der Zugang zu westlichen Normen und Rechten wurden den Rumänen erneut verwehrt. 16. Unierte und orthodoxe Rumänen stellten seit dem Wirken von Bischof Micu-Klein und dem Aufstand Horias unaufhörlich schriftliche Forderungen, aber Wien fühlte sich überfordert und sandte sie zur Klärung an den Landtag der Ungarn, Deutschen und Szekler nach Transsilvanien zurück. Dieser Landtag weigerte sich weiterhin, das Gleichheitsprinzip des Konzils von Florenz zu akzeptieren, und beharrten auf der Auffassung des 4. Laterankonzils: Die Orthodoxen müßten unter westlicher, in diesem Fall ungarischer Hierarchie bleiben. Ihnen blieb nur die rechtlose Abhängigkeit oder die Magyarisierung. 17. Neue Perspektiven brachte die ungarische Revolution von 1848: Der Kaiser in Wien geriet derart in Bedrängnis, daß der Landtag der Ungarn, Deutschen und Szekler in Budapest die Vereinigung Transsilvaniens mit Ungarn gegen die Mehrheit der rumänischen Bevölkerung durchsetzen konnte. Die Rumänen stellten sich daraufhin unmißverständlich auf die Seite Habsburgs, bis die russische Arme und rumänische Revolutionäre unter Avram Iancu die Macht der Habsburger restauriert hatten. Die Rumänen behaupteten sich 1848 als Nation und stellten ein Emanzipationsprogramm nach westlichem Muster zusammen. 18. Nach der Revolution von 1848 folgte eine Art Wiedergutmachung des Wiener Hofs gegenüber den Rumänen, die ihre Treue zum Herrscherhaus unter Beweis gestellt hatten. Sie wurden in Transsilvanien mit alle anderen Nationen und Religionen gleichgestellt und erhielten eine unierte sowie eine orthodoxe Metropolie. Diese positive Entwicklung wurde aber durch die militärische Niederlage der Habsburger gegen Preußen 1866 gestoppt. Der 1867 folgende Ausgleich der Doppelmonarchie machte fast alle Rechte der Rumänen wieder zunichte und die Westintegration der Rumänen aus Transsilvanien scheiterte erneut an der ungarischen Magyarisierung. 19. Nach der Vereinigung von Moldau und Walachei zu Rumänien wurden auch jenseits der Karpaten Forderungen nach direkten Beziehungen mit Frankreich und dem Westen laut. Die Lateinische Schule in Transsilvanien verlor angesichts der kulturellen Beziehungen, die Rumänien unabhängig von ihr zum Westen pflegte, an Einfluß, zumal die Union der moldo-walachischen Orthodoxen mit Rom unter Fürst Alexandru Ioan Cuza im Stadium eines Projektes stecken blieb. Die moldo-walachische orthodoxe Elite drängte Fürst Cuza ins Exil und Karl I. von Hohenzollern-Sigmaringen sollte die Rumänen in einem unabhängigen westlich orientierten Staat vereinen, aber die geistliche Oberherrschaft von Konstantinopel/Moskau nicht in Frage stellen. 20. In der Doppelmonarchie sahen sich die Rumänen einem Magyarisierungsdruck in bisher nicht gekanntem Maße ausgesetzt. Alle Beschwerden und Forderungen der Rumänen an den Kaiser wurde jetzt konsequent nach Budapest zur Klärung geschickt. Ergebnis war in der Regel eine neue Magyarisierungswelle. So verlor die Lateinische Schule vor Ort, aber auch jenseits der Karpaten an Einfluß und laisch-westliche, freimauerische kulturellen Ideen gewannen bei den Rumänen die Vormacht. 21. Der günstige Ausgang des Ersten Weltkriegs sowie der gleichzeitige Zusammenbruch der Doppelmonarchie und des Zarenreichs bereiteten der rumänischen Befreiungs- und Einigungsbewegung den Weg zum Erfolg. Die österreichische Ära der rumänischen Geschichte endete durch die Vereinigung alle rumänischen historischen Provinzen in Groß-Rumänien. Einer Annäherung an Rom und die westlichen Werte standen theoretisch nun weder Konstantinopel/Moskau noch Wien/Budapest mehr in Wege. Eine breit angelegte Westintegration wurde schon während des Krieges geplant. 22. Der Friede von Paris bestätigte 1919 den Beschluß der Nationalversammlungen der Rumänen und anderen Nationalitäten (mit Ausnahme der Ungarn) zur Gestaltung des Königreichs Groß-Rumänien. Das Ergebnis entsprach fast exakt den Vereinbarungen, die Rumänien und die Entente während des Krieges getroffen hatten. Treibende Kraft der Vereinbarung waren die Rumänische Nationalpartei, beeinflußt von der Lateinischen Schule, und das Königreich Rumänien, das weiterhin unter der Einwirkung der kulturellen Beziehungen mit Frankreich und dem Westen stand. 23. Eine Komplettierung der kulturellen und politischen Beziehungen des Landes mit dem Westen durch eine Union mit Rom hatte in Transsilvanien mehr Anhänger als in Bukarest, und so blieb alles beim alten. Weil Konstantinopel fürchtete, seinen Einfluß bei den orthodoxen Rumänen zu verlieren, genehmigte es für Rumänien ein Patriarchat. Insgesamt blieben die Beziehungen zu Rom bzw. zum Westen deshalb nur oberflächlich. Ein Konkordat zwischen Rumänien und Vatikan wurde bekämpft (und 1948 von Stalin gekündigt). 24. Die wirtschaftliche Kooperation zwischen Rumänien und dem Westen gestalteten sich zwischen den Weltkriegen nach der Metropole-Kolonie-Modell. Politisch und militärisch war Rumänien mit dem Westen verbunden; ökonomisch und sozial blieb jedoch alles wie im Osten. Das Land lieferte Öl, Getreide und Holz an den Westen und blieb unterentwickelt. Während der ersten politischen Schlechtwetterzeit in Europa brach das Königreich Rumänien nach einem Diktat von Adolf Hitler und Benito Mussolini durch den Wiener Schiedsspruch von 1940 ohne großen Widerstand auseinander. Transsilvanien wurde geteilt, und der Nordwesten kam erneut zu Ungarn, wurde also in den Westen integriert. Diese partielle und erzwungene Westintegration erzeugte naturgemäß in Bukarest einmal mehr Unmut gegenüber dem Westen. 25. Die Unabhängigkeit des Rumpfkönigreichs wurde während des Zweiten Weltkriegs von einer autoritären Regierung unter General Ion Antonescu gewährleistet, ohne allerdings die subalterne Position gegenüber Hitler-Deutschland überwinden zu können. Die Hoffnung Antonescus, des Königs und der bürgerlichen Parteien, wieder unter die Schirmherrschaft des Westens zu kommen, war unrealistisch, weil der Westen in Gestalt von US-Präsident Franklin D. Roosevelt das orthodoxe Rumänien noch während des Krieges dem Dritten Rom und seinem roten Zaren Stalin zu 90% zusprach. Die Ostintegration Rumäniens war mit Billigung des Westens besiegelt. 26. Die Einbindung der neuen Volksrepublik Rumänien in den sowjetischen cordon sanitaire gegen den Westen geschah ohne nennenswerte Reibungen. Die Orthodoxie vernichtete bzw. übernahm die unierte Kirche, und die Kommunisten verdrängten rasch die westlich orientierte Oberschicht. Widerstand gegen die Gleichmacherei der Entwicklungsdiktatur artikulierten besonders die jüdischen, ungarischen und deutschen Intellektuellen. Sie konnten sich aber gegen die byzantinische kommunistische Führung aus Bukarest nicht durchsetzen und wanderten in den Westen aus. Der Osten hatte Rumänien wieder einmal mit einem Eisernen Vorhang vom Westen isoliert. 27. Die autoritäre Entwicklungsdiktatur feierte sehr bald wirtschaftliche Erfolge. Allen widrigen Voraussetzungen zum Trotz weckte die Modernisierung des Landes sogar die Hoffnung auf eine baldige Kooperation mit dem Westen auf einer (fast) gleichberechtigten Basis. Politischer Anlaß für die neue Perspektive war die rumänische Weigerung, sich 1968 an der Unterdrückung des Prager Frühlings durch die Armeen des Warschauer Pakt zu beteiligen. Sie gab dem Westen ein Motiv, den rumänischen Widerstand gegen Moskau zu unterstützen, zumal die forcierte Industrialisierung eine neue Dimension der Zusammenarbeit versprach. 28. Hinter dem Eisernen Vorhang wandte sich die Mehrheit der Rumänen nun mit der gleichen Hoffnung an den Westen, wie dies ihre Vorfahren zur Zeit der osmanischen Herrschaft getan hatten. Nicht zufällig wählte Nicolae Ceausescu Michael den Tapferen zu seinem Vorbild. Wie diesem war es jedoch auch dem rumänischen Conducator nicht vergönnt, die Früchte seiner Integrationsbemühungen zu ernten. Der Abzug der Russen 1989 versetzte alle Rumänen in eine euphorische Begeisterung, die jedoch rasch der Nüchternheit wich – auch dies eine Parallele zum Ende der muslimischen Herrschaft 1683. In beiden Fällen erwiesen sich die kulturellen und politischen Beziehungen zwischen Rumänien und dem Westen als unzureichend, um eine dauerhafte Verankerung Rumäniens im Westen zu bewerkstelligen. Die Benachteiligung der Unierten Kirche dauert bis heute an. 29. Während sich die Habsburger und die Orthodoxen 1698 noch die Mühe gemacht hatten, eine reale Gleichberechtigung durch die Forderung gleicher Wertesysteme zu initiieren, schauen sowohl der Westen als auch die Rumänen seit 1989 passiv zu, wie die Zerschlagung der Industrie, die Parzellierung des Bodens, steigende Arbeitslosigkeit, Inflation, Schulden etc. das Land mehr in die orientalische Dritte Welt treibt, als das eine Integration in die westliche Erste Welt abzusehen wäre. Folge des Abrutschens in die Dritte Welt sind u.a. die Autonomiebestrebungen der Ungarn in Transsilvanien, die zugleich einen willkommenen Anlaß bieten, die politische Aufmerksamkeit von den Hauptproblemen des Landes auf einen Nebenkriegsschauplatz zu lenken. Der alte ungarisch-rumänische Konflikt soll die Verweigerung einer echten rumänischen Westintegration verschleiern. 30. Eine Bilanz, fast neun Jahre nach der TV-Revolution von 1989 muß daher ernüchtern: Ein religiöse Union mit Rom oder eine echte Integration in die NATO oder EU ist nach wie vor nicht abzusehen. Mehr noch: Auch was unter der kommunistischen Entwicklungsdiktatur für diesen Zweck aufgebaut wurde, wird jetzt systematisch verbraucht und zerstört. Deshalb gestaltet sich eine kulturelle, geistliche und wirtschaftliche Integration Rumäniens in den Westen immer problematischer. Eine Rückkehr zu alter orthodoxer Abhängigkeit und ökonomischer Stagnation ist wahrscheinlicher als ein Aufbruch zu neuen (westlichen) Ufern. In welchen Formen und in welchem Ausmaß diese materielle Rückentwicklung an der Grenze zwischen Ost und West zu nationalen und religiösen Reibungen führen wird, ist noch ungewiß. Das einzige positive Ergebnis der Umwälzung der vergangenen Jahre ist, daß Rumänien nicht auseinanderbrach wie Jugoslawien, die Tschechoslowakei und die UdSSR. Eine echte Transformation und Westintegration der Rumänen steht jedoch in absehbarer Zukunft offenbar nicht mehr zur Debatte.
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