Viorel ROMAN

Die dauerhafte EU-Integration Rumäniens 2004-11-02
inapoi
I. Religion bestimmt den Verhaltenskodex des sozio-politischen Wirtschaftslebens. Deshalb wird die europäische Integration ohne die Wiedervereinigung der Christen nicht von Dauer sein. Dieser religiöse Faktor wird in Rumänien noch verdrängt. Während der kommunistischen Diktatur war die Interdependenz zwischen Politik und Religion sowie die Unvereinbarkeit von rumänisch-kommunistischer Orthodoxie und westlichem Kapitalismus tabuisiert, obwohl es darüber seit Karl Marx (1818-1883) und Max Weber (1864-1920) eine Kontinuität in der Forschung gibt. II. Die Bedeutung der Religionen in der positiven wie in der negativen Kommunikation und Kooperation der Kulturen – Freundschaftsverträge, Krieg etc. – ist bekannt. Inspiriert von Weber und Marx schrieb Werner Sombart über „Die Juden und das Wirtschaftsleben“. Samuel P. Huntington sah in „The Clash of Civilizations“ die „blutige Grenze“ zwischen Christen und Islam voraus. Das National Bureau of Economic Research (USA) hat in 59 Ländern die Beziehung zwischen dem Glauben an Gott, Himmel und Hölle, der Regelmäßigkeit der Kirchgänge und der Wirtschaftsentwicklungen untersucht. Für Niall Ferguson von der New York University liegt die Ursache der gegenwärtigen wirtschaftlichen Stagnation Deutschlands in der Verwässerung der protestantischen Ethik. III. Kapitalismus als Folge „der protestantischen Ethik“ (Weber) ist außerhalb Westeuropas, in Islam, Hinduismus, Orthodoxie und Animismus, schwer zu vermitteln. Weltanschauungen, die nicht konform mit demjenigen Westeuropa sind, haben aber lange Traditionen. Trotz ihres Widerstands gegen Moderne, Mobilität, Produktivität und Rationalität „des Kapitals“ (Marx) ist die Expansion des Warenaustausches, der Wissenschaft, des römischen Rechtes, der rationalen Verträge und Organisationen, d.h. des Kapitalismus, ist allgegenwärtig und unaufhaltsam. So kommt die „erste Welt“ (Imperium Romanum) stets mit den Glaubenssätzen der „dritten Welt“ (der Barbaren) in Berührung. Nachdem die sozialistische „zweite Welt“ (Limes) zusammengebrochen ist, knüpfen die Globalisierungstheorien deshalb wieder dort an, wo Imperialismus- und Kommunismustheorien versagt haben – bei der Religion. IV. Nachdem der Imperialismus in Asien und Afrika am Widerstand der Religionen bzw. Kulturen gescheitert war, erklärte der Kommunismus vorsorglich allen Göttern den totalen Krieg. Kommunisten hatten eine eigene „umgedrehte Theologie“ (Theodor W. Adorno) und wollten den absoluten Fortschritt für die ganze Welt, ohne Ausbeutung und ohne Transzendenz. Bei näherer Betrachtung strebten sie nach einer weltumfassenden säkularisierten jüdisch-preußischen Verwaltung, geführt von Idealisten mit jüdischem Ethos und deutsch-preussischer Disziplin. Auf dieser Weise haben Kommunisten in der Tat „nationale“ deutsche und russische autoritäre kontinentale Projekte ebenso überwunden wie angloamerikanische maritime demokratische und imperialistische Projekte. V. Marx und Friedrich Engels (1820-1895) entwarfen ein globalisiertes Modell, das den ausgebeuteten dieser Welt himmlische Lebens- und Arbeitsbedingungen versprach. Wer sich diesem utopischen Projekt widersetzte, wurde als Klassenfeind erbarmungslos beseitigt. Vladimir I. Lenin (1870-1924) führte die proletarische Diktatur in Rußland ein, Josif V. Stalin (1879-1953) auch in Rumänien. Nach der russisch-amerikanischen Verständigung der 80er Jahre verzichteten Michail S. Gorbatschow und Ion Iliescu auf dieses Gesellschaftsmodell. Seit den 90er Jahren versuchen sich die ehemaligen Kommunisten erneut an die Zwänge der Globalisierung anzupassen. Der Beitrag der Kommunisten zur Globalisierung ist dennoch nicht zu übersehen: 150 Jahre nach dem „Kommunistischen Manifest“ ist es selbstverständlich, daß die Welt gegen den Mißbrauch von Arbeitern und Umwelt geschützt werden muß. VI. Seit tausend Jahren wird die Wiederherstellung der christlichen Einheit angestrebt. Erst auf dieser Grundlage sollte ein paneuropäisches Projekt, die Europäischen Union, in Angriff genommen werden. Heute versucht man es umgekehrt: Zuerst wird eine säkularisierte Form des römisch-katholischen Kodex, das sogenannte acquis, auf orthodoxen Osteuropa und Rumänien übertragen. Damit, so glaubt und hofft man, wird auch das Morgenland implizit die Normen und Werte des Abendlandes übernehmen. Während der EU-Transformation des Ostens sollen die abendländischen Gesetze und Institutionen zunächst als leere Form die zukünftigen Inhalte beschwören. Weil aber die religiöse Reichweite der EU-Integration und die wirtschaftspolitische Kluft zwischen Ost und West ausgeklammert wird, sind die Ergebnisse mager. VII. Der Durchschnittslohn in Rumänien entspricht mit 2 Euro pro Tag einem Dritte-Welt-Land. Wenn die EU-Integration Rumäniens ohne eine geistige Reorientierung bzw. Harmonisierung der Werte und Normen geschieht, dann wird sie eine potemkinsche Scheinintegration wie sie Rumänien bereits zwischen den Weltkriege erlebt hat. Das Land integriert sich entweder in die EU-Administration und schafft gleichzeitig eine Hinwendung nach Rom oder es wird wieder Teil der „Dritten Welt“ Osteuropas, nachdem es unter den Kommunisten bereits in die „Zweite Welt“ aufgestiegen war. VIII. Die EU ist Erbin des Weströmischen Reiches, des Heiligen Römischen Reiches Deutscher Nation, der Reiche der Spanier, Portugiesen, Belgier, Holländer, Briten und Franzosen. Das Fundament Westeuropas ist das römische Recht, der römisch-katholische kanonische Kodex in seiner heute säkularisierte Form, ein acquis von 81.000 Seiten. Dieser ist noch nicht ins Rumänische übersetzt. Auch deshalb sehen die Rumänen den prinzipiellen Unterschied in der gesellschaftlichen Organisation in Ost und West noch nicht. Sie unterscheiden nicht zwischen der individuellen und der kollektiven EU-Integration. IX. Zwischen Ost- und Westeuropa klafft ein Abgrund. Im Osten sind Landwirtschaft und ländliche Kultur prägend. In Westen herrschen industrielle Technologien und urbane Kultur. Löhne, Arbeitsproduktivität, politische Partizipation, berufliche Mobilität, soziale Vielfältigkeit sind im Osten bescheiden, in Westen dagegen kennzeichnend. Die soziale Organisation ist in Osten einfacher und informeller als in Westen, hier gelten anonyme Normen. Im Osten herrscht kollektive Verantwortung und Eigentum, im Westen Privateigentum und Individualismus. Östliches Christentum ist dem Staat ergeben. Im Westen hat das römische Christentum eine zivile Gesellschaft hervorgebracht. Die soziale Kontrolle ist im Osten direkt und persönlich, im Westen hingegen indirekt und bürokratisch. Der Westen hat universelle Werte, der Osten partikularistische. X. Die Rumänen leben seit 395 im Machtbereich des Morgenlandes, des Oströmischen Reiches, des Sultans, des slawischen Zaren, der orthodoxen Patriarchen, des kommunistisch-orthodoxen Lagers. Ihr Drama begann, als die Griechen die Macht in Konstantinopel übernahmen und mit Hilfe der Slawen die Rumänen marginalisierten und assimilierten. Heute leben südlich der Donau nur 10% Rumänen und nördlich, wo sie mehrheitlich überlebten, mußten sie sich dem Joch der griechisch-slawischen Oberherrschaft beugen. So kamen sie in das antilateinische Lager, obwohl sie sich selbst als „Nachfahren der Römer“ definieren. XI. Heute wollen die Rumänen in die römische Zivilisation zurück, in die EU und NATO. Herkunft und Bestreben der Rumänen ist römisch, aber sie sind noch Gefangene der griechisch-slawischen Orthodoxie. Unter Fürst Alexander Cuza und Staatspräsident Ion Iliescu war die Hinwendung nach Westen besonders stark. Rußland mußte sich nach dem Krimkrieg und dem Kalten Krieg in seinen eigenen Lebensraum zurückziehen und sich modernisieren, um in Asien dem Islam und der „gelben Gefahr“ gewachsen zu sein. Dennoch hält Moskau weiterhin Truppen in Moldawien / Transnistrien und beharrt auf seinem Einfluß in Bukarest, um eine Drehscheibe zu den Griechen und den slawischen Brüdern südlich der Donau zu haben. XII. Nach dem Krimkrieg beseitigen die Westmächte das russisch-türkische Protektorat und genehmigten 1859 die Moldo-Walachische Vereinigung. Danach reorientierte Fürst Cuza das Land von Konstantinopel und Moskau nach Rom. Nach seiner Entmachtung wurde seine Hinwendung nach Rom ersetzt durch eine „säkularisierte Orthodoxie“, mit französischer Sprache und Kultur sowie dem römisch-katholischen Zweig des Herrschergeschlechts von Hohenzollern-Sigmaringen. Für Russen, Griechen, Türken, Österreicher, Ungarn und Serben war und ist eine rumänische Emanzipation von der griechisch-slawischen Oberherrschaft unerwünscht. XIII. Die griechisch-slawischen Vorurteile gegen das Abendland, die weitgehend auch die Rumänen selbst verinnerlicht haben, sind über ein Jahrhundert lang stabil geblieben. Das Umdenken, die Hinwendung von Konstantinopel und Moskau nach Rom und zum Weströmischen Reich (EU) gilt als Verrat. Auch die militärische Präsenz der NATO ist aus orthodoxer Sicht untragbar. Die Unierten aus Transsilvanien, sind nur das trojanische Pferd des westlichen Proselytismus. Die abendländische Kultur ist schändlich, dekadent und subversiv. Die rumänische antiwestliche Bewegung marschiert heute unter die Losung – „Wir verkaufen unser Land nicht!“. XIV. Nach dem Kalten Krieg und der Liquidierung Nicolae Ceausescus, einem Anhänger des „Vierten Rom“ (Bukarest), übernahm mit Iliescu ein Vertreter des „Dritten Rom“ (Moskau) die Macht. Seitdem streben die Rumänen die EU-Integration an. So ist das alte politisch-religiöse Dilemma der Moldo-Walachen wieder aufgetaucht. Für eine Westintegration ist eine gemeinsame Sprache notwendig, ein Dialog der Orthodoxen des ehemaligen kommunistischen Lagers mit den Katholiken und Protestanten der EU. Dafür reiste Iliescu mehrmals nach Rom, und unter Staatspräsident Emil Constantinescu, dem Untergebenen Iliescus während der KP-Herrschaft, besuchte Papst Johannes Paul II Rumänien. Es war die erste Reise eines Papstes in ein orthodoxes Land. Sie öffnete die Tore Europas für alle Rumänen. Danach kamen auch die EU-Führer und ermunterten die Westintegration. Auch Patriarch Teoctist war mehrmals im Vatikan, umarmte den Papst, und beide sprachen vor versammelten Gläubigen in Bukarest und Rom von der Notwendigkeit der Union beider Kirchen. XV. Es gibt einen Unterschied zwischen Cuza und Iliescu. Nach dem Zweiten Weltkrieg unterstellte die Rote Armee 2000 Unierte Kirchen Moskau, tausende Priester und zehntausende Intellektuelle wurden ermordet oder ins Exil gezwungen. Mit diesem Erbe und auch mit dem Widerstand der Russen, Griechen, Madjaren und Serben, die eine rumänische Emanzipation durch Westintegration ablehnen, muß sich Iliescu auseinandersetzen. Auch die Unierten aus Transsilvanien sind nach einem halben Jahrhundert in den Katakomben der Weitsicht und der Dynamik von Papst Johannes Paul II. nicht gewachsen. Ohne echte Alternative setzt die Westintegration wieder die Krücken – anglo-amerikanische, französische Sprache und abendländische Kultur sowie Juden, Freimaurer und der „deutsche“ König. XVI. Gegenwärtig gleicht die Lage der Rumänen der Situation zur Zeit Cuzas, aber mit umgedrehten Vorzeichen. Wenn nach dem Krimkrieg Cuza gegen alle Widerstände ein großer Wegbereiter war, sind Iliescu und Teoctist trotz günstiger äußerer Bedingungen (Zusammenbruch des Kommunismus nach dem Kalten Krieg, großzügige Unterstützung des Papstes und der EU-Führung, Wille zur Westintegration bei der Mehrheit der Rumänen) nicht auf der Höhe ihrer Zeit. Deshalb sind die Ergebnisse von 14 Jahren Transformation schlimmer als die Folgen beider Weltkriege. Lebensstandard, Geburtenrate und Lebenserwartung sinken kontinuierlich. Korruption ist allgegenwärtig. Soziale und nationale Solidarität schwinden. Bildung- und Gesundheitswesen, beachtlich unter den Kommunisten, sind zusammengebrochen. Neben Deindustrialisierung und Deurbanisierung macht die rationale Landwirtschaft einer archaischen Subsistenzlandwirtschaft Platz. Unter Iliescu wie unter Cuza ist die Westintegration, die Hinwendung Rumäniens nach Rom gescheitert. Ihr Nachfolger, der Staatspräsident, der in diesem Jahr gewählt wird, steht vor großen Herausforderungen. __________________ Thesen für die Internationale wissenschaftliche Konferenz „România – exigente în procesul dezvoltarii, din perspectiva integrarii in anul 2007“ an der „Lucian Blaga” Universität, Sibiu / Hermannstadt, 6./7. Mai 2004 Prof. Dr. Viorel Roman, Akademischer Rat an der Universität Bremen, roman@uni-bremen.de